Home
Wir über uns
Unsere Historie
Biographie Et Klöske
Sippungen 158/159
Nachbarreyche
Ausritte@twitter
crefeldensis@google
Vademecum als pdf
Anreise
Unterschlupf
Presse
Gästebuch
Fotos Burggarten
Fotos Stiftungsfest
Youtube Stiftungsf.
Festschrift Sti.fest
Impressum  Kontakt


Besucherzähler

Stammbaum der Crefeldensis

---------------------------------------------------------

 

Crefeldensis         191   5.4.a.U.54     1913 gegründet

Ravensbergia         120   24.2.a.U.35    1894

Assindia              50   13.9.a.U.24    1883   

Elberfeldensis        34   20.10.a.U.22   1881

Colonia Agrippina      8   15.10.a.U.19   1878

Wratislawia            5   23.9.a.U.17    1876

Lipsia                 3   23.8.a.U.13    1872

Berolina               2   24.10.a.U. 6   1865

Praga                  1   10.10.a.U. 0   1859

 

 

 

 

 

Unser Ehrenschlaraffe Donnerhall

- profan Carl Wilhelm, Komponist und Dirigent
eine Betrachtung von Ritter Ludulus a.U. 147

 

Im Zusammenhang mit der Büste Carl Wilhelms in unserer Burg ergeben sich eine solche Fülle von Aspekten und Fakten, dass ich sie Euch, den interessierten Sassen unseres Reyches, zwecks Schonung Eurer Nerven und zur Vermeidung überlanger Sippungen und, insbesondere mit Rücksicht auf unseren Ritter Au-pair-etto, aus purer schlaraffischer Freundschaft in gedrängtester Form schriftIich vorstellen möchte.

Zunächst geht es um die Person Carl Wilhelms und um die Umstände der Entstehung seiner bis heute bekanntesten Komposition, des unbegleiteten Chorliedes "Die Wacht am Rhein", dessen erste Zeile auch den Namen unseres Ehrenschlaraffen "Donnerhall" lieferte. Wir werden sehen, nicht nur Bücher haben ihre Schicksale, sondern auch Lieder und zumal dieses. Wir werden dazu ein wenig in die allgemeine Geschichte Deutschlands und auch in unsere Mentalitätsgeschichte hineinsteigen müssen, um, wie es sich für Schlaraffen ja doch gebührt, unserem Ehrenschlaraffen in rechter Weise begegnen zu können.

Die "Wacht am Rhein" hieß zunächst als Textvorlage "Rheinwacht' und war ursprünglich ein VerteidigungsIied.

Was war geschehen?

Es gab 1840 die heute vergessene, weil in den Schulen nicht mehr unterrichtete sogenannte "Rheinkrise", die zwar "Rheinkrise" hieß, aber ihren Ursprung im Orient hatte.

Durch den russisch-türkischen Krieg 1829/30 und durch die Aufstände gegen die Türken in Griechenland war das osmanische Reich entscheidend geschwächt worden. Zudem hatte Mehmet AIi, der Vizekönig des zum osmanischen Reich gehörenden Ägypten, sich gegen die Zentralgewalt der Türken gewandt, um seinen Einflussbereich und den seiner Familie wesentlich auszudehnen, nach Süden wie nach Osten. Er drang mit bewaffneter Macht tief nach Syrien und in den Libanon hinein vor, damals alles türkische Gebiete.

Die Franzosen der Julimonarchie, seine Helfer und Berater, sahen in ihm einen idealen Verbündeten. Die Franzosen hatten sich bereits vor 1830 in Algerien festgesetzt und dehnten nun dort ihren Besitz nach Süden, vor allem aber auch an der afrikanischen Mittelmeerküste entlang aus. Ihr Ziel war es, mit Hilfe des ohnehin von ihnen abhängigen rebellischen Vizekönigs Mehmet AIi das ganze an das Mittelmeer grenzende Afrika über Suez hinaus zu ihrem Besitz, zumindest zu ihrem Einflussgebiet zu machen. Das Mittelmeer sollte ein französisches Meer werden.

Das widersprach entschieden den imperialen Interessen Englands, auch denen Russlands an den Meerengen des Bosperus und der Dardanellen. Und es widersprach den legitimistischen Interessen Österreichs und wiederum Russlands, die die angestammtem Herrscherhäuser in ihren Rechten, und damit ihre eigenen Dynastien, gesichert sehen wollten. Zu diesen alten Dynastien gehörten - im Gegensatz zu dem napoleonähnlichen Mehmet AIi - aber auch die Osmanen und der Sultan in der Türkei. Im Juli 1840 schlossen England, Frankreich, Russland und Österreich in London den Vertrag ,,Zu Befriedung der Levante", in dem sie den höchst bedrohten Osmanen beisprangen und Mehmet Ali ultimativ zum Rückzug aus den von ihm besetzten Gebieten aufforderten. Preußen trat diesem Pakt bei, freilich mit der Klausel, sich an einem evt. ausbrechenden Krieg nicht beteiligen zu müssen. Frankreich wurde in London nicht konsultiert, sondern nur im Nachhinein über den Vertrag informiert.

 

Die Wirkung auf die nationalstolze Bevölkerung in Frankreich und auf seine Regierenden war ungeheuer. Man fühlte sich übergangen und gedemütigt. Von einem diplomatischen Waterloo war die Rede. Damit nun die brodelnde Wut im Volke die neue französische Monarchie nicht schon bei dieser Gelegenheit hinwegfegte, lenkte das Kabinett Thiers die wachsende nationale Empörung der Franzosen, die zur innerpolitischen Krise zu werden drohte, vom diplomatischen Felde weg auf das militärische und territorialpolitische. Der Traum vom französischen Mittelmeer war zerstoben, also erhob man erneut den alten Anspruch auf die Rheingrenze, befestigte Paris, drohte offiziell und in der Presse monatelang mit Krieg auch gegen England, vor allem aber gegen die deutschen Staaten und den deutschen Bund, rüstete gewaltig auf, militärisch und geistig. Französische Geistesgrößen, so Quinet und Victor Hugo und viele andere, schlossen sich der Forderung nach der Rheingrenze an. Auf deutscher Seite antwortete man nun in gleicher nationaler, vaterländischer Erregung. Es kam zu einem regelrechten Dichterkrieg hinüber und herüber zwischen Franzosen und Deutschen.

Literaturgeschichtlich entstand damals die "Rheinliedbewegung" mit einer Fülle national begeisterter politischer Gelegenheitslyrik. Nikolaus Becker schrieb sein mehr als siebzig mal vertontes Gedicht "Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein" und in dieser Zeit schrieb auch ein gerade mal zwanzigjähriger Jüngling namens Max Schneckenburger ein Gedicht mit dem Titel "Rheinwachf', ein begeisterter Aufruf zur Verteidigung des Rheinlandes gegen die Ansprüche der Franzosen:

"Es braust ein Ruf wie Donnerhall
wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Lieb Vaterland magst ruhig sein,
lieb Vaterland magst ruhig sein!
Fest steht und treu die Wacht am deutschen Rhein!
Fest steht und treu die Wacht am deutschen Rhein!"

In der letzten Zeile der letzten Strophe wird die Frage dann zur Proklamation:

"Wir alle wollen Hüter sein!"

Zu dem von manchen auf beiden Seiten herbeigewünschten Krieg kam es damals noch nicht. Für Deutschland aber hatte diese "Rheinkrise" eine wesentliche Bedeutung, die von Heinrich Heine so beschrieben wird, dass "damals Thiers unser Vaterland in die große Bewegung hineintrommelte, welche das politische Leben in Deutschland weckte; Thiers brachte uns wieder als Volk auf die Beine."

Wir können das politische Feld verlassen und uns der Person Carl Wilhelms, unserem Ehrenschlaraffen Donnerhall, dem Menschen und dem Künstler zuwenden.

Unser Ritter Musiquant hat ihn in der Festschrift zum 90. Stiftungsfest der Crefeldensis vorgestellt. Carl Wilhelm wurde 1815 in Schmalkalden in Thüringen geboren, studierte Musik und wurde 1840, also schon mit 25 Jahren und im Jahr der Levantekrise, auf Veranlassung des Krefelder Kaufmanns Scheibler nach Krefeld berufen und lebte hier als Komponist, Klavierlehrer und als Dirigent der "Liedertafel". Diese Liedertafel war nicht ein x-beliebiger Gesangverein, sondern der Mittelpunkt und die bestimmende Kraft im kulturellen Leben der Stadt. Es wurden nicht nur vorhandene Chorlieder gesungen, sondern man verlangte von den Mitgliedern auch eigene künstlerisch-schöpferische Aktivitäten. Mitglieder der "Liedertafel" waren national-liberale Krefelder Bürger aus den führenden Schichten der Stadt.

 

Wer Dirigent der "Liedertafel" war, bestimmte das kulturelle - und das hieß damals vor allem das musikalische - Leben der Stadt. In diesen Jahren war Carl Wilhelm also die prägende Persönlichkeit des Krefelder Musiklebens und er war über Krefeld hinaus eine bestimmende Kraft in den damals bedeutenden; Musikfesten, den deutsch-niederländischen und den niederrheinischen. Er vertonte Gedichte, schrieb Kammermusik, vor allem aber eine ganze Reihe von Chorwerken, vornehmlich und zunächst für seine "Liedertafel", die aber auch bei anderen großen Chören gerne aufgenommen wurden.

1854 feierte man in Preußen die silberne Hochzeit des späteren Kaisers Wilhelms 1., damals Prinz von Preußen. Und aus diesem Anlass vertonte Wilhelm den nun schon 14 Jahre alten Text Schneckenburgers "Es braust ein Ruf wie Donnerhall" als Chorwerk, das nun in Krefeld auf einem Fest der "Liedertafel" zu Ehren der prinzlichen Silberhochzeit zusammen mit dem "Krefelder Sängerbund" uraufgeführt wurde. Das Werk hatte damals schon großen Erfolg, man sang es u.a. unter dem Dirigat Carl Wilhelms auch beim großen Fest der deutschen Chöre in Dresden.

Wenn wir nun auf die Büste schauen, dann sehen wir, dass sie in erster Linie den Schwung und die männliche Kraft der Chorwerke Carl Wilhelms wiedergibt, das Bild, das man sich von einem Komponisten gerade solcher Werke machte, dann aber ist sie auch ein Portrait des Menschen und empfindsamen Künstlers Carl Wilhelm. In der genannten Festschrift gibt es ein Foto Carl Wilhelms, das bestätigt, was wir von ihm schon wissen, aber vergessen haben. Carl Wilhelm war zeitlebens ein stiller, hochsensibler und zur tiefsten Melancholie neigender Mann. Nach Jahren intensiver und auch durchaus erfolgreicher Arbeit in Krefeld und im Rheinland begann er, sich mehr und mehr zurückzuziehen, er wurde zum argwöhnisch beäugten Sonderling, der seine Verpflichtungen kaum noch regelmäßig wahrnahm, er geriet in psychischen Verfall. Schließlich verschwand er nach fast 25 Jahren des Wirkens in der Stadt 1865 buchstäblich bei Nacht und Nebel und heimlich aus Krefeld. Keiner wusste hier, wo er geblieben war. Er, der 50-jährige, hatte sich zurück nach Schmalkalden zu seiner Mutter und sozusagen unter deren Schutz begeben. Ein kranker Mann. Nur sporadisch wirkte er noch als Chorleiter des Schmalkaldener Musikvereins.

Der Ruhm, der Erfolg, den andere Künstler ersehnen und erstreben, wurde für Carl Wilhelm zu einem bösen Geist, der ihn vollends zerstörte.

Im deutsch-französischen Krieg von 1870/1 wurde sein Lied von der "Wacht am Rhein" alsbald zu einer Art inoffizieller Nationalhymne, die die Stimmung im deutschen Volk während jener Jahre spiegelte. Das Veto des Kaisers Napoleon III. gegen einen Hohenzollernprinzen der katholischen Sigmaringer Linie auf dem spanischen Thron wurde, wie 1840, als französische Anmaßung und als Übergriff empfunden, zumal es in Frankreich von neuen Forderungen nach der Rheingrenze begleitet war Carl. Wilhelms Lied wurde wieder aktuell und in nationaler Einheitsbegeisterung überall in den deutschen Ländern gesungen, in der Armee, in den Schulen, bei patriotischen Veranstaltungen. Man erinnerte sich des kranken Mannes in Schmalkalden und holte ihn in einem Triumpfzug ohne gleichen nach Berlin. Er wurde am kaiserlichen Hof empfangen und musste auf einem riesigen Konzert im Zirkus Renz vor einem Massenchor von mehreren hundert Sängern seine "Wacht am Rhein" dirigieren. Auf der Rückreise nach Schmalkalden brach er endgültig psychisch zusammen. Er erkrankte auch physisch, hat Schmalkalden nicht mehr verlassen und ist bereits 1873 mit 67 Jahren gestorben.

Sein Lied sang man auch 1914, als man sich wieder angegriffen glaubte und in nationaler Begeisterung schwelgte, allenthalben bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Das Verteidigungslied war zum Kriegslied geworden. Die Ardennenoffensive 1944 schließlich hatte den Namen "Operation Donnerhall. "

 

Nach dem zweiten Weltkrieg ist bei uns über die Jahre hinweg alles Nationale in schwärzesten Verruf geraten. Die "Wacht am Rhein", galt in sorgsam gehegter Unkenntnis ihres Entstehungszusammenhanges als eine Ausgeburt des blutrünstigen deutschen Militarismus und der stille, melancholische Carl Wilhelm wurde zum bramarbasierenden Kunstteutonen, der die "Wacht am Rhein" bei Beginn des deutsch-französischen Krieges 1870/1 im Solde der preußischen Regierung zum Aufputschen der Massen komponiert habe. So jedenfalls lernten es die Schüler eines Duisburger Gymnasiums, das mein Neffe besuchte. Der Kern dieser böswilligen Legende: Bismarck hatte Carl Wilhelm und auch der Familien Schneckenburger eine namhafte Jahrespension ausgesetzt, fast zwanzig Jahre nach der Uraufführung der "Wacht am Rhein". Selten ist einem Künstler von den verschiedensten Seiten soviel Unrecht und auch rohe Gewalt angetan worden, wie Carl Wilhelm.

Wir wollen uns bei unserem Ehrenschlaraffen Donnerhall nicht allein an den Komponisten der "Wacht am Rhein", sondern an einen Künstler, der in 25 Jahren seines Wirkens in Krefeld viel, sehr viel als Komponist, prägender Dirigent eines blühenden Chorgesangs, Musikpädagoge und Förderer rheinischer Musikfeste für das kulturelle Leben in der Stadt und in der Region getan hat und an die über seinen Tod hinaus wahrhaft tragische Künstlergestalt Carl Wilhelm erinnern und ihn ehren.

(Eine weitere Lieferung zum Schicksal eines Carl-Wilhelm-Denkmals mit Büste in Krefeld und zu unserer Büste und ihrem Schöpfer - Arthur Winkler, eine interessante Künstlerpersönlichkeit auch er, eine Art Originalgenie - folgt. Ich möchte vorher noch die Provenienz der Büste klären und auch die eines vermutlich zweiten Exemplars, oder einer Variante des unsrigen, das sich im Besitz der Linner Museen befinden müsste. Ihr braucht aber keine Angst zu haben, das kann dauern bis ich alle Belege habe, so es denn welche gibt, und aus der Rostra werde ich das Reych damit ganz, ganz, ganz bestimmt nicht quälen. Versprochen!!!!)

 

 

info@crefeldensis.de